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Angelika Overath: Alle Farben des Schnees


Nachmittags. Manfred hat mich an den Bahnhof gebracht. Ich setze mich in ein noch leeres Viererabteil gleich hinter der Tür. Ein Radfahrer nimmt sich den Platz mir gegenüber. Er schwitzt. Beim Abfahren winkt er nach draussen; seine Kollegen spritzen gerade ihre Räder ab. Der Zug fährt los. Er kramt ein Brot aus seinem Ruchsack, legt es auf das kleine Tischchen unter dem Fenster. Er geht auf die Toilette. Als er zurückkommt, beisst er ein paarmal heftig in sein Brot und wickelt es wieder ein. Er zieht den rechten Schuh aus und stellt ihn hoch auf die Bank. Er trägt schwarze Socken. Der linke Schuh bleibt auf dem Boden. Er lehnt sich zurück und beginnt, etwas in sein Handy zu tippen. Ich rieche seinen Schweiss. Ich versuche, mich so gut ich kann zurückzulehnen, um ihn nicht zu riechen. Er dampft. Ein grosser, starker Mann, Anfang dreissig. Ich sitze in der Schneise seines Gemächtes. Ich möchte fort. Ich denke, es ist unhöflich aufzustehen und sich wegzusetzen. Der Zug ist voll. Ich versuche zu lesen, aber er riecht zu stark. Es ist frischer Schweiss, er hat am Morgen sicher geduscht, und er sitzt nicht absichtlich so da. Nur einfach aus selbstbewusster Unachtsamkeit. Er diskutiert mit dem Schaffner, ich verstehe, dass er nach Bern will. Ich rieche den Anhauch seines Genitals. Ausweglose Situation.
Hinter Klosters schlüpft er in seinen Schuh, steht auf. Er geht kurz weg. Er kommt zurück und nimmt seine Sachen und wechselt das Abteil. Vielleicht ist es im nächsten Waggon leerer.
Vielleicht rieche ich nach Knoblauch.











Julio Cortazar (Ecuador): Vietato introdurre biciclette



In den Banken und Kaufhäusern dieser Welt interessiert es niemanden auch nur im Geringsten, wenn jemand mit einem Weisskohl unter dem Arm oder einem Tukan eintritt oder seinem Mund wie am Schnürchen die Lieder entlockt, die mich meine Mutter lehrte, oder an seiner Hand einen Schimpansen im gestreiften Leibchen führt. Doch kaum kommt eine Person mit einem Velo herein, entwickelt sich ein völlig übertriebener Aufruhr, und das Fahrzeug wird mit Gewalt auf die Strasse hinausgeworfen, während sein Besitzer energische Verwarnungen der Angestellten des Hauses erhält.

Für ein Velo, welches ein sanftes Wesen mit unauffälligem Verhalten ist, bedeuten die Tafeln, die es hochmütig nach ausserhalb der schönen Glastüren  der Stadt weisen, es eine Demütigung und ein Hohn. Man weiss, dass die Velos auf verschiedenste Weisen versucht haben, ihre traurige soziale Bedingung zu verbessern. Doch in absolut allen Ländern der Erde ist es verboten, mit Velos ein Gebäude zu betreten. Einige fügen hinzu: „und mit Hunden“, was den Minderwertigkeitskomplex der Velos und der Hunde verdoppelt. Eine Katze, ein Hase, eine Schildkröte, sie alle können grundsätzlich Bunge &Born oder die Büros der Anwälte in der Strasse San Martin betreten, ohne etwas anderes als Überraschung zu verursachen, oder grosses Entzücken bei den eifrigen Telefonistinnen, oder, allerhöchstens, eine Anweisung an den Portier, er möge obengenannte Tiere auf die Strasse hinausbefördern. Letzteres kann geschehen, aber es ist nicht demütigend, weil es nur eine Möglichkeit unter anderen darstellt, aber auch, weil es die Folge einer Ursache ist und nicht eine kalte, im voraus organisierte Verschwörung, grauenhaft eingraviert in Bronze- oder Emailplaketten, Tafeln des unerbittlichen Gesetzes, welche die einfache Spontanität der Velos, unschuldiger Wesen, erdrückt.

Aber trotz allem, Geschäftsführer, aufgepasst! Auch die Rosen sind simpel und sanft, aber vielleicht wisst ihr, dass in einem Krieg zwischen zwei Rosen Prinzen gestorben sind, welche wie schwarze Blitze waren, geblendet durch Blütenblätter aus Blut. Nicht dass die Velos eines Tages voller Dornen zu drohen beginnen, dass ihre Lenkstangen wachsen und sich zum Angriff rüsten, dass sie, mit Wut gepanzert, in Legionen gegen die Fenster der Versicherungsgesellschaften anrennen und dass eines schönen Tages die Geschäfte mit Ausverkäufen schliessen, in ganztägiger Trauer, mit auf Karten versandten Beileidsbekundungen.










from: Energy and Equity.
In Ivan Illich: Toward a History of Needs.
(New York: Pantheon, 1978)



"Man on a bicycle can go three or four times faster than the pedestrian, but uses five times less energy in the process. He carries one gram of his weight over a kilometer of flat road at an expense of only 0.15 calories. The bicycle is the perfect transducer to match man's metabolic energy to the impedance of locomotion. Equipped with this tool, man outstrips the efficiency of not only all machines but all other animals as well."










Max Rüdlinger «Das Recht auf Memoiren» (Zytglogge 2007)


„In der Frühzeit meines Pedalens fuhr ich mehrheitlich bergauf. Wenn es nicht bergan ging, war ich nicht glücklich. In einem Faden über den Jaun und den Col du Pillon zu kneten, das Rad von Gsteig auf einem verschütteten Weglein auf den Sanetschpass raufzubuckeln, zirka dreissig Kilometer nach Sion runterzusausen, dann über Furka, Oberalp, Splügen, Maloja, Albula und Wolfgang-Pass zu steissen, gab mir gar nicht oder beinahe nichts zu tun...
Das Pedalen war meine Lust, zwar nicht an und für sich, sondern als Welterfahrung. Und je höher hinauf, umso euphorischer wurde ich. Es zerriss mir dann ein Grauschleier. Auf dem Pass oben war ich einfach mehr da. Deswegen, so glaube ich, bin ich auch immer wieder raufgefahren, bis ich mal darauf kam, dass mit bestimmten Anstrengungen ich auch unten mehr da sein kann.
Über Pässe zu fahren, ist nicht eigentlich anforderungsreich. Wenn man mal seinen Rhythmus gefunden hat, kann man ewig bergauf trampen. Wenn man zudem in den Kurven aussen rum fährt und nicht innen, wo es am steilsten ist, dann ist es vollends ein Kinderspiel.“











Joachim Zelter «Über die Alpen» (NZZ, 10. 9. 2007)


„Man fühlt sich (beim Velo-Passfahren) an das Marxsche Basis-Überbau-Schema erinnert. Der schwächste Verkehrsteilnehmer soll die weitesten und beschwerlichsten Wege auf sich nehmen, gemäss dem vietnamesischen Sprichwort: ‚Umwege erhöhen die Ortskenntnis’... Radler scheitern an den Bergen, weil sie die Anstiege zu schnell nehmen, weil sie keinen Rhythmus finden, weder zum Berg noch zu sich selbst...
Motorräder über Motorräder, die uns in rasender Geschwindigkeit überholen oder – gleich aufröhrenden Geschossen – uns entgegenschiessen, Kurven schneidend. Ich sehe mich mit den Augen der Motorräder: Eine Residualkategorie halsbrecherischer Vabanquefahrten, ein Störfeld – ein von der Strasse gedrängter Kollateralschaden.“